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Nachtrag zum AI-Camp

„Was sollen wir dem Nachwuchs jetzt überhaupt noch beibringen?"

Ich möchte an dieser Stelle einen kleinen Nachtrag zum letzten AI-Camp geben – speziell zu den Themen „Ausbildung" und „Nachwuchs".

Lohnt es sich überhaupt noch einen IT-Beruf zu erlernen?

Viele von uns werden als Ausbilder oder Unternehmen immer wieder mit dieser Frage konfrontiert – in einer KI-Welt, in der sich alle paar Wochen ganze Fachbereiche grundlegend verändern. Ehrliche Antworten fallen da schwer. Ich mache mir selbst Gedanken über meine eigene Zukunft als Entwickler und Ausbilder. Wenn mich meine eigenen Kinder fragen, ob sie das auch lernen sollen, würde ich am liebsten antworten: „Sucht euch einen ordentlichen Handwerksberuf, der noch in 30 Jahren gefragt ist." Bedarf haben wir da schließlich auch.

Aber statt eines düsteren Textes über das, was auf uns zukommt, möchte ich lieber darüber sprechen, was wir tun können.

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Flexibilität statt fester Schienen

Unsere Aufgabe als Ausbilder bleibt dieselbe: den Nachwuchs auf genau diese Zukunft vorzubereiten – und ihn zu ermutigen, flexibel auf ständige Veränderungen zu reagieren. Mehr denn je gilt heute: Wer sich – egal in welchem Berufsfeld – auf feste Bahnen verlässt, läuft Gefahr, früher oder später abgehängt zu werden. Niemand kann aktuell absehen, wie sein Berufsbild in drei Jahren aussieht. Was bleibt, ist die Rolle des Problemlösers. Vielleicht verschiebt sich der Schwerpunkt vom klassischen Coding hin zu anderen Funktionen und Denkweisen – aber das Lösen von Problemen bleibt gefragt.

Feste Berufsbilder in der IT müssen sich weiterentwickeln. Heute ist es wichtiger denn je, sich neben der eigenen Haupttätigkeit auch auf andere Rollen einzulassen. Nehmen wir Max: ausgebildeter Fachinformatiker, seit Jahren zuständig für die Systemadministration in einem mittelständischen Unternehmen. Heute moderiert er interne Dev-Talks, begleitet neue Auszubildende als Mentor, testet KI-gestützte Tools für den internen Einsatz und spricht mit Kunden über technische Anforderungen. Sein Jobtitel hat sich nicht geändert – aber seine Rolle längst. Und genau das macht ihn unersetzlich.

Der klassische Fachinformatiker in der Spezialisierung Anwendungsentwicklung oder Systemintegration wird in den kommenden Jahren zunehmend an Bedeutung verlieren. Eine breitere Grundausbildung, die alle Bereiche abdeckt, wäre zeitgemäßer – ähnlich wie es bei Bachelor-Studiengängen bereits funktioniert, wo Studierende im Master ihren Schwerpunkt wählen.

Warum gelingt das nicht im dualen System? Liegt es an den starren Rahmenlehrplänen des deutschen Bildungswesens? Variable, modular aufgebaute Ausbildungsinhalte wären längst überfällig. Selbst Hochschulen passen ihre Studiengänge inzwischen jährlich an. Die Berufsschulen beginnen, ihre Einstellungskriterien für Lehrkräfte zu überdenken – aber warum ziehen IHK und Berufsschulen dabei noch immer nicht an einem Strang? Die Abschlussprüfungen für Fachinformatiker variieren teils stark in ihrer Qualität, während der Rahmenlehrplan starr bleibt. Das passt nicht zusammen.

Hinterfragen als Kernkompetenz

In einer Welt voller Cloud und KI braucht am Ende vielleicht niemand mehr den klassischen Administrator oder Anwendungsentwickler. Aber Problemlöser, die Dinge hinterfragen – die werden immer gebraucht.

Und genau das – Hinterfragen, Experimentieren, Aufklären – ist jetzt unsere aller Aufgabe. Mehr denn je. Das sollte im Kindergarten beginnen, in der Grundschule weitergehen und sich durch die gesamte Ausbildung ziehen. Wir müssen den Nachwuchs auf eine Zukunft vorbereiten, die sich ständig verändert.

Für uns alle gilt: Lernen hört nicht auf. Informieren, ausprobieren, „Learning by Doing" – das endet nicht mit Feierabend. Wer mithalten möchte, muss am Ball bleiben. Und das bedeutet auch, Altbekanntes loszulassen. Ich würde gern davon erzählen, wie toll damals die Sicherheitskonzepte in HTML4 waren – aber das braucht heute schlicht niemand mehr.

Was das konkret für Unternehmen und Ausbilder bedeutet

Dinge, mit denen wir vor zehn Jahren noch Profis waren, können heute bereits veraltet sein. Das ist keine Schwäche – das ist die Realität. Und gerade deshalb lohnt es sich, auch auf den Input der Jüngeren zu hören. Sie bringen andere Perspektiven mit, denken in anderen Werkzeugen und stellen oft genau die richtigen Fragen. Nehmt das ernst und geht Kompromisse ein – auf beiden Seiten.

Ermutigt intern zu Dev-Talks, Code-Dojos oder ähnlichen Formaten, in denen Wissen geteilt und gemeinsam ausprobiert wird. Und warum nicht auch feste Zeit für sogenannte „Freitagsprojekte" einplanen – kleine Spielwiesen-Projekte, die nicht zwingend im direkten Firmenkontext stehen müssen? Genau aus solchen scheinbar zwecklosen Experimenten entstehen oft die interessantesten Ideen und Lerneffekte. Plant dazu externe Fortbildungsmöglichkeiten – und vor allem: Nehmt selbst daran teil. Nichts wirkt überzeugender als eine Führungskraft oder ein Ausbilder, der zeigt, dass auch er noch lernt. Das Lernen hört nie auf – das kann eure Grundsatzregel sein. In jedem Berufsfeld. Sonst bleiben wir stehen.

Das Loslassen alter Gewohnheiten fällt uns allen schwer – das ist menschlich. Change-Management ist ein Prozess, und ein Prozess bedeutet per Definition: Es geht nicht von heute auf morgen. Wie dieser Wandel aussieht, ist für jeden Betrieb und jedes Umfeld anders. Und genau hier habt ihr heute die passenden Werkzeuge und die klugen Köpfe, um diesen Prozess leichter zu gestalten als je zuvor. Experimentieren und Ausprobieren war noch nie so zugänglich wie jetzt.

Genauso wichtig bleibt das Hinterfragen – etwas, das wir durch unseren Tunnelblick fast verlernt haben. Jeder von uns nutzt täglich Dutzende externer Tools, Bibliotheken und Frameworks. Vielleicht regen wir unseren Nachwuchs an, mal eine eigene Extension zu bauen, statt blind auf fertige Lösungen zu setzen. Mit KI ist das heute spielerisch einfach möglich. Warum eine E-Mail-Library einbinden, wenn man das Grundprinzip auch selbst nachbauen kann? RFC, Sockets, Telnet – welcher Port war das nochmal für SMTP?

Und: Lasst euch nicht von Fehlern entmutigen. Wer keine Fehler macht, lernt nichts. Wenn ein KI-Agent eine „perfekte" One-Shot-Lösung liefert, sollte man trotzdem prüfen, ob das Ergebnis auch wirklich sinnvoll ist. Nur ihr wisst, ob das mit euren Zugriffsraten, eurem Prod-Setup oder euren spezifischen Anforderungen überhaupt noch realistisch ist. Wie hättet ihr es gebaut? Ist das wirklich euer Lösungsweg – oder am Ende nur die meistgeklickte Stack-Overflow-Antwort in neuem Gewand? Hinterfragt die Ausgabe eurer KI genauso kritisch wie jede andere Quelle. Sonst habt ihr nicht ein Problem gelöst – sondern nur eines importiert.

Würden wir gar nicht mehr hinterfragen, gäbe es in der Wissenschaft keine empirischen Erkenntnisse mehr. Eine These muss an der Erfahrung – am Experiment – scheitern können. Und das kann bereits im Kindergarten beginnen.

Verlassen der Komfortzone

Wer wirklich etwas verändern will, muss bei sich selbst anfangen. Die eigene Komfortzone zu verlassen ist keine nette Empfehlung – es ist eine Notwendigkeit. Eine Verbesserung im Mindset beginnt bei uns, bevor wir sie an andere weitertragen können. Es liegt jetzt in unserer Hand, uns selbst und unser Umfeld auf eine ungewisse und veränderliche Zukunft vorzubereiten.

Die Zeiten, in denen IT-Jobs als sicher und unantastbar galten, sind vorbei. Auch wir sind diesmal betroffen – und zwar direkt. Das ist keine abstrakte Bedrohung irgendwo am Horizont, sondern Realität, die bereits heute unsere Branche verändert. Wer jetzt noch wartet, wartet zu lang.

 

 

Mario Kaufmann

16.03.2026

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